BAGFW Wohlfahrtsmarken 2006 Rede Themenmarken Eisenbahn

 

Sehr geehrter Herr Bundespräsident,

Sehr geehrter Herr Minster,

meine sehr verehrten Damen und Herren,

Eisenbahnen sind ein vorzüglicher Hort der Kommunikation. Man reist. Man guckt. Man redet. Man lernt kennen. Der unvergessliche Kurt Tucholsky erzählt dazu in seinen „Gesammelten Schriften“ die köstliche Geschichte eines Witzes. Und der geht so: Sitzen zwei Männer in der Eisenbahn. Sagt der eine: „Ich komme mir vor, wie ein vom Unglück verfolgter Pechvogel. Mein ganzes Geld hab ich verloren, mein Auto haben sie mir gestohlen, mein Haus ist abgebrannt und meine Frau ist durchgegangen! Was kann mir noch mehr passieren?“ Da sagt der andre: „Jetzt kann noch passieren, dass die Frau zurückkommt!“

Eisenbahnen zeigen uns aber auch, wie man Ziele erreicht. Manchmal direkt. Manchmal über Umwege. Manchmal ist man schnell da. Manchmal muß man warten. Manchmal muß man auch Verspätungen in Kauf nehmen. Aber wie auch immer: Man weiß, dass man sein Ziel erreichen wird. Eisenbahnen sind daher so ein Hort der Verlässlichkeit, wenn auch nicht immer Pünktlichkeit.

Das gilt ähnlich für die freie Wohlfahrtspflege. Es gibt Dinge, die wir in einem Zug schnell und mühelos erreichen. Und dann gibt es Projekte, die nicht so ganz leicht zu bewältigen sind. Dennoch haben wir immer unser Ziel der sozialen Hilfe vor Augen. Das wir dazu viel Energie braucht, ist unbestritten. Heute fahren unsere Züge mit Strom oder Diesel. Früher brauchten die Loks Kohle. Und was man heute unter Kohle versteht, brauche ich wohl nicht besonders zu betonen.

Die freie Wohlfahrtspflege will dabei die Lokomotive sein, die mit all ihren Kräften die sozialen Kräfte weiter voranbringt. Das ist nicht immer ganz einfach, wenn man einmal daran denkt, in welchen Bereichen die Wohlfahrtverbände tätig sind. Das reicht von der Jugendhilfe, Kindergärten, Heilpädagogischen Heimen, der Kranken- und Altenpflege, Mahlzeitendiensten, Altenheimen und Altentagesstätten, über Krankenhäuser, ambulante Hilfen, dem Müttergenesungswerk bis hin zu Selbsthilfegruppen von Arbeitslosen, Alkoholikern oder anderen sozialen Gruppen. Ein weites Feld also, das nicht immer spektakulär daherkommt. Es ist oftmals die kleine, stille, direkte, persönliche Hilfe, die vom Engagement des Einzelnen lebt. Über 1,1 Millionen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Wohlfahrtsverbände in mehr als 93.000 sozialen Einrichtungen und Diensten mit rund 3,2 Millionen Betreuungsplätzen, dazu mehr als 3 Millionen ehrenamtliche Helfer, stellen sich Tag für Tag neuen Herausforderungen. Herausforderungen, die den Staat neben seinen anderen Aufgaben einfach überfordern würden.

Das all das auch Geld kostet, ist sicherlich unbestritten. Und genau deshalb sind unsere Wohlfahrtsmarken mehr als nur ein willkommenes Zubrot. Wohlfahrtsmarken sind eine wichtige und unverzichtbare Stütze für die Arbeit der Wohlfahrtsverbände. Das zeigt auch die bisherige eindrucksvolle Bilanz: Seit 1949 flossen rund 560 Millionen Euro aus dem Verkauf von über 3,9 Milliarden Wohlfahrts- und Weihnachtsmarken in soziale Hilfsprojekte. Viele Projekte können oft genug erst dank der Zuschlagerlöse aufgenommen werden.

Natürlich dürfen wir dabei sozusagen nicht den Zug der Zeit verpassen. Denn leider ist das Erlösaufkommen im Vergleich zu den vergangenen Jahren zurückgegangen. Das hat vielfältige Gründe bis hin zu der Tatsache, das unsere Kommunikation immer mehr vom Computer übernommen wird, der Nachrichten auch ohne Briefmarke transportiert. Gut daher vielleicht die Erfindung einer elektronischen Wohlfahrtsmarke. Aber bis dahin wird wohl noch einige Zeit vergehen.

Insofern freuen wir uns umsomehr über das Engagement der Deutschen Post AG, die uns erfolgreich bei Vertrieb und Werbung der Wohlfahrtsmarken unterstützt. Dank auch an die vielen ehrenamtlichen Helfer, die Wohlfahrtsmarken über die Verbände verkaufen.

Dank ebenso an die Designer und Grafiker, die Wohlfahrtsmarken entwickeln und immer neue attraktive Sammelmotive finden. Diesmal sind es Eisenbahnen und Züge, die in Deutschland Industriegeschichte geschrieben haben. Auch dürften die Motive bei vielen älteren Menschen Erinnerungen wecken. Denn es war damals schon Erlebnis und Abenteuer zugleich in Zügen wie beispielsweise dem „Fliegenden Hamburger“ oder dem „Trans-Europ-Express (TEE) zu fahren. Das gilt heute ebenso für den IntercityExpress (ICE), der das Zeitalter des Hochgeschwingkeitsverkehrs einleitete.

Ich wünsche mir, dass die neuen Wohlfahrtsmarken erneut ein voller Erfolg werden. Nicht zuletzt deshalb, damit der Zug der sozialen Hilfe weiter auf der Zielgeraden bleibt. Wenn wir das schaffen, wäre das sozusagen ein wirklich „schöner Zug“.

Vielen Dank für Ihr Interesse.

 

(Es gilt das gesprochene Wort!)