Apothekervereine Referat

 

Mit Rheuma leben

An Rheuma stirbt man nicht, mit Rheuma muß man leben. Mit dieser Volkskrankheit Nr. 1 lebt nach statistischen Erhebungen heute immerhin jeder Dritte in der Bundesrepublik Deutschland. Ca. 20 Millionen Menschen leiden an einer der vielen Krankheiten aus dem rheumatischen Kreis. Und jährlich kommen etwa 800.000 Fälle hinzu.

In der Medizin werden unter dem Begriff Rheumatismus ganz verschiedene Krankheiten zusammengefaßt, deren Gemeinsamkeit nur im Symptom des Schmerzes und seiner Folgen besteht. Diese Krankheiten betreffen vorwiegend den Bewegungs- und Stützapparat des Körpers, also Knochen, Muskeln und Bindegewebe, in seltenen Fällen können aber auch innere Organe angegriffen werden. Um sich einen Begriff zu machen, wie groß der Kreis der rheumatischen Krankheiten ist, sollte man zunächst einige Fachausdrücke kennen. So gibt es in der Gruppe der Gelenkkrankheiten die degenerativen Arthrosen, die entzündlichen Arthritiden und das rheumatische Fieber, außerdem die primär-chronische Polyarthritis und den Morbus Bechterew. Ferner werden zum Rheumatismus die Gelenkleiden bei Stoffwechselstörungen gezählt, die Rheumatoide, die wir als Gicht kennen. Ebenso eine Gruppe von Krankheiten außerhalb der Gelenke, die besonders in den Schleimbeuteln sitzen. Dies nennt man dann extraartikulären Rheumatismus oder Muskelrheumatismus. Den einen oder anderen Ausdruck hat man schon vielleicht bei seinem Arzt gehört. Auf jeden Fall ist daraus zu ersehen , ungenau es ist, wenn man lediglich von „Rheuma“ spricht.

Degenerative Veränderungen an den Gelenken sind ungemein häufig. Man spricht hier von Arthrose. In der erwachsenen europäischen Bevölkerung kann man bei rund 50 Prozent der Männer und Frauen röntgenologisch eine Arthrose an dem einen oder anderen Gelenk nachweisen. Die Zahlen reichen von acht bis neun Prozent bei den 20 jährigen bis zu 90 Prozent bei Hochbetagten. Nach dem fünften Lebensjahrzehnt tritt die Arthrose bei Frauen häufiger auf als bei Männern.

Zur Entstehung einer Arthrose können viele Faktoren und Ereignisse beitragen, auch genetische. Das heißt, daß Arthrose vererblich sein kann. Besonders die Knotenbildung an den Endgelenken der Finger zeigt eine deutliche familiäre Häufung. Ein Zusammenhang von Kniearthrosen mit Übergewicht läßt sich besonders gut feststellen. Bei Menschen, die nicht ihr Normalgewicht besitzen (Faustformel Größe minus 100 Körpergewicht in Kilogramm, z.B. wer 170 cm groß ist, darf 70 Kilogramm wiegen) , wäre daher eine Gewichtsabnahme angebracht. Abgesehen davon, dass Herz- und Kreislauferkrankungen mit Übergewicht in direktem Zusammenhang stehen, wird sich auch die Arthrose in den gewichttragenden Gelenken verringern, wenn man mit Fett, Kohlehydraten und Alkohol so lange geizig umgeht, bis man sein Normalgewicht erreicht hat.

Bei der Entstehung von Arthrosen in relativ jungen Jahren können auch Arbeitsumwelt und Arbeitsbelastung eine Rolle spielen. So haben zum Beispiel Lastenträger im Vergleich zu Bankangestellten häufiger eine Hüftgelenkarthrose und Bergleute mehr Hüft- und Kniegelenksarthrosen. Eine Beziehung zwischen dem Lebensstandard, geographischen Faktoren, klimatischen Einflüssen und der Krankheit, wie man sie früher vermutet hatte, läßt sich jedoch nicht herstellen. Denn das würde bedeuten, dass etwa im Süden Griechenlands, wo die Menschen in warmen klimatischen Verhältnissen leben und auch viel vernünftiger essen als wir, die Arthrose nicht vorkommen würde. Trotzdem verstärken ein unwirtliches Klima und feuchte Luft aber die Beschwerden, unter der der Einzelne infolge dieser Krankheit leidet.

Eine der am häuf igsten vorkommenden entzündlichen rheumaischen Erkrankungen ist die chronische Polyarthritis , die deshalb auch medizinisch am besten erforscht ist. Auch hier sind die Frauen stärker betroffen als die Männer: sie leiden dreimal häuf iger an der Krankheit. Die chronische Polyarthritis ist eine entzündliche Allgemeinkrankheit vorwiegend des Gelenksystems und der Sehnenscheiden. Ein andauerndes, fortschreitendes, schmerzhaftes, am Bewegungs— apparat deformierendes, behinderndes und zerstörendes Leiden , das schon in der Kindheit, aber auch erst im späten Alter auftreten kann.

Leider weiß man bis heute nichts über die Ursachen der Polyarthritis. Wahrscheinlich ist, dass auch dieses Leiden vererbt werden kann. Untersuchungen der letzten Jahre ergaben , dass in „Rheuma-Familien“ zweimal häufiger eine chronische Polyarthritis auftritt, als bei der übrigen Bevölkerung desselben Dorfes. Andere Untersuchungen dagegen haben dies nicht bestätigen können. Die widersprüchlichen Ergebnisse sind möglicherweise darauf zurückzuführen, dass auch die chronische Polyarthritis keine einheitliche Krankheit ist. Man muß auch hier weitere Ergebnisse der Forschung abwarten. Ebenfalls noch nicht geklärt ist, neben der Ursache, der auslösende Faktor der Krankheit. Möglicherweise ist der Anfangspunkt in einem Infekt oder in einer Angina zu suchen. Man weiß aber schon, dass Kälte und Fehlernährung, besonders der übermäßige Genuß von Alkohol, außerdem mangelnde sportliche Tätigkeit und seelische Konfliktsituationen die Entstehung der Krankheit fördern.

Vorbeugende Maßnahmen gibt es bei der chronischen Polyarthritis nicht. Wer also meint, er könne davon nicht befallen werden, weil er jährlich vier Wochen lang in den Rheuma-Thermen der Insel Ischia badet, der irrt. Man kann lediglich dann etwas tun, wenn die Krankheit vom Arzt diagnostiziert, also erkannt ist.

Medikamente, Operationen und Gelenk schutz sind die wichtigsten Faktoren in der ärztlichen Therapie auch bei der Polyarthritis. Die Krankheit gilt trotz aller Fortschritte generell als unheilbar. Man kann die Wirkung – also die Schmerzen – lindern, aber nicht die Ursache des Leidens bekämpfen.

Das rheumatische Fieber ist eine weitere Art des Rheumatismus . Es tritt meist zwei bis drei Wochen nach einem Infekt mit hämolytischen Streptokokken, beispielsweise Scharlach, Diphterie oder Blutvergiftung, auf. Streptokokken sind Bazillen, die unter dem Mikroskop wie Perlenketten aussehen und hämolytisch wirken, d.h. dass diese Bazillen zerstörerisch auf unser Blut einwirken. Scharlach und Diphterie sagen schon , dass dass rheumatische Fieber vorwiegend eine Kinderkrankheit ist, die meist um das zehnte Lebensjahr herum auftritt. Noch vor zehn Jahren stand sie im Vordergrund des Interesses von Kinderärzten. Heute ist ein erfreulicher Rückgang dieser Krankheit festzustellen, weil das altbekannte Penicillin hier  im Gegensatz zu anderen Erkrankungen des Rheumatischen Formenkreises  sehr gut hilft. Das rheumatische Fieber ist deshalb eine so ernste Krankheit, weil es nicht nur die großen Gelenke, sondern auch das Herz befällt. Es verursacht eine Entzündung der Herzinnenhaut mit der Folge von Klappenveränderungen und Herzmuskelentzündungen. Die Arthritis beim rheumatischen Fieber dagegen ist flüchtig und hinterläßt niemals Schäden an den Gelenken. Ein berühmter französischer Arzt, der in der Mitte des vergangenen Jahrhunderts in Paris lebte , Ernest Charles Laséque (sprich: Lasäq) , hat deshalb den noch heute gültigen Spruch gefällt: ‚Das rheumatische Fieber beleckt die Gelenke und beißt ins Herz“.

Die Gicht, die Arthritis urica, auch Zipperlein im Volksmund genannt,  ist eine Allgemeinerkrankung, die auf einer Störung des Harnsäurestoffwechsels beruht. Die Gicht entsteht dann, wenn infolge noch unbekannter Vorgänge die Harnsäure im Körper zurückbehalten wird. Diese Säure und ihre Salze lagern sich in Gelenkknorpeln , Gelenkkapseln und Schleimbeuteln sowie in benachbarten Knochen und Weichteilen ab und verursacht schmerzhafte Anfälle. Gicht befällt hauptsächlich das männliche Geschlecht zwischen dem 30. und dem 60 . Lebensjahr. Reichliches Essen, besonders starker Alkoholgenuß und übermäßiger Fleischkonsum spielen bei dieser Krankheit eine große Rolle. Sie gehört deshalb zu den Wohlstandskrankheiten, die mit einer Milch-Gemüsekost einzuschränken ist. Diese Diät darf sich jedoch nicht nur auf die Zeit der akuten Anfälle erstrecken, sondern muß durchgehalten werden. Auch dem Alkohol muß entsagt werden.

Die Gichtanfälle, die häufig nach reichlichem Alkoholgenuß, aber auch nach Abkühlung oder Anstrengung den Menschen mitten im besten Wohlbefinden überfallen, beginnen meist nachts im Grundgelenk der großen Zehe als Podagra. Dieses Wort, das früher oft für Gicht benutzt wurde, ist griechischen Ursprungs und heißt Fußfalle. Bei späteren Anfällen werden auch andere Gelenke angegriffen. Wenn man nichts gegen die Krankheit unternimmt, kommt es zu Gichtknoten und Bewegungseinschränkungen. Das ist aber noch nicht alles. Denn die Gicht kann auch zu Störungen in den Organen führen, so zum Beispiel zu einer Schrumpfniere. Außerdem ist eine Verkalkung der Blutgefäße eine regelmäßige Begleiterscheinung, ebenso Verdauungsstörungen, die zuweilen mit kolikähnlichen Krämpfen verbunden sind. Das nennt man dann Darmgicht. Wer also an dieser Krankheit leidet, tut gut daran, beim Auftreten der ersten Symptome, sein Leben schlagartig auf eine gesunde Ernährung umzustellen. Sonst kann Gicht lebensgefährlich werden.

Unter der sogenannten Bechterew’schen Erkrankung verstehen wir die entzündliche Wirbelsäulenversteifung. In einem nicht zu kleinen Prozentsatz können aber auch Gelenke mitbefallen werden. Durch Knochenfunde ist bekannt, dass diese Krankheit schon vor Jahrtausenden bestanden hat. Die Wirbelsäule ist das Stützorgan des Körpers und besteht aus einzelnen Bausteinen, den Wirbeln, und zwar aus sieben Halswirbeln, zwölf Brustwirbeln und fünf Lendenwirbeln. Außerdem gehören das aus Wirbeln verschmolzene Kreuzbein und Steißbein zur Wirbelsäule, die umhüllt und gehalten wird durch Bindegewebe und Muskulatur. Zwei Wirbel mit der elastischen Bandscheibe zwischen den Wirbelkörpern bilden ein Bewegungssegment. Für das Verständnis von Morbus Bechterew sind noch besonders wichtig die Kreuz-Darmbeingelenke, in denen Verschiebebewegungen zwischen der Wirbelsäule und den Beckenknochen stattfinden.

Morbus Bechterew kann in jedem Lebensalter auftreten. Die Krankheit bevorzugt mit etwa eindeutig das männliche Geschlecht. Am häufigsten im 3. Lebensjahrzehnt. Geklagt wird in der Regel über quälende, tiefsitzende Kreuzschmerzen mit Ausstrahlung in die Gesäßgegend und teilweise auch in die Beine. In der Folge ergeben sich eine zunehmende Steifheit im Kreuz und aufsteigende Schmerzen bis hin zum Nacken. Die Ursache von Morbus Bechterew ist noch nicht bekannt, die Erforschung dieser Krankheit noch lange nicht abgeschlossen. Man weiß aber schon, dass Bechterew-Kranke auf keinen Fall schwere körperliche Arbeit verrichten dürfen, die verbunden ist mit Heben, Bücken oder Tragen.

Nachdem wir nun die wichtigsten rheumatischen Erkrankungen im einzelnen kennengelernt haben, wollen wir daran gehen, ihre Behandlung unter die Lupe zu nehmen. Diese Behandlung rheumatischer Krankheiten umfaßt die medikamentöse Therapie, physikalisch-therapeutische Anwendungen, operative Maßnahmen, Beschäftigungstherapie, psychosoziale Betreuung und rehabilitative Maßnahmen. Gerade bei den rheumatischen Erkrankungen ist es wichtig, die ganze Behandlungspalette in Betracht zu ziehen. Da ist es nicht damit getan, einfach eine Tablette zu schlucken, damit man sich besser fühlt. Abgesehen davon, dass man gerade in breiten Bevölkerungsschichten heute viel zu tablettengläubig ist und Medikamente schluckt wie Bonbons. Eins ist bei Rheuma besonders wichtig zu wissen: es gibt kaum Medikamente, die die Krankheitsursache beseitigen können. Arzneimittel gegen Rheumatismus können immer nur die Symptome, d.h. die Schmerzen, bekämpfen. Nicht zuletzt diejenigen Menschen, die an einer rheumatischen Krankheit leiden, wissen, dass diese Schmerzen zum Teil nicht ertragen werden können und allein deshalb schon durch Arzneimittel gelindert werden müssen. Der Arzt kann dabei umso besser helfen, je genauer man ihm sagen kann , wo die Schmerzen sitzen.

Rheuma kommt in Schüben. Ein paar Tage lang hat man sich großartig gefühlt, dann ändert sich das Wetter, und plötzlich kann man kaum noch laufen. In diesen entzündlichen Schubsituationen muß sich der Rheumakranke einfach öfter hinlegen und die befallenen Glieder ruhigstellen. In hochakuten Fällen ist komplette Bettruhe mit zweimal täglichem Durchbewegen aller Gelenke angezeigt, um einer Verkürzung der Muskeln und damit einer Versteifung entgegenzuwirken. Wenn die Schmerzen wieder nachlassen, sollte man sich ruhig mehr bewegen und regelmäßig Gymnastik machen. Denn das ist das Wichtigste an dieser Krankheit, dass man seinen Körper beweglich hält. Und nichts anderes als Gymnastik ist mit dem komplizierten Wort „physikalisch-therapeutische Anwendungen“ gemeint. Man darf allerdings nicht übertreiben! Leistungssport ist in der Rheumatherapie absolut unerwünscht. Man muß ein richtiges Gleichgewicht finden zwischen Ruhe und Belastung. Bei den ersten Anzeichen von Schmerzen, Müdigkeit oder Muskelverspannung sollte man sich ausruhen, bis man sich wieder wohl fühlt. Und dann muß man sich wieder bewegen. Das Sprichwort „Wer rastet, der rostet“ hat in diesen Fällen eine große Be— deutung.

Zusätzlich zu einer Ruhestellung des ganzen Körpers haben aber auch Maßnahmen an den einzelnen befallenen Gelenken eine wesentliche schmerzlindernde Wirkung. Mit Gips oder orthopädischen Lagerungsschienen kann man betroffene Glieder sowohl tagsüber als auch des Nachts schützen, wenn eine unwillkürliche schmerzhafte Bewegung verhindert werden soll. Die einseitige Überbewertung von Arzneimitteln hat diese Maßnahmen weitgehend vernachlässigt, ebenso wie die von unseren Großmüttern noch bestens als Hausmittel eingesetzten Kälte- und Wärmeanwendungen . In akuten Schubsituationen werden kalte Wickel von den meisten Patienten als angenehm schmerzlindernd empfunden, ebenso wie Eisabtupfungen und Eispackungen , die zu den wirksamsten schmerzlindernden Maßnahmen zählen. Deshalb werden auch in jüngster Zeit wieder zunehmend solche Maßnahmen vor einer Bewegungsbehandlung gegen die Versteifung der Gelenke verabreicht.

Bei nachlassenden Schmerzen sollte man es mit lauwarmen oder warmen Wickeln versuchen. Nur bei älteren, gering aktiven Veränderungen können intensivere Wärmeanwendungen in Form von Schlamm- oder Moorpackungen eingesetzt werden. Soweit die Hausmittel, die man aber in jedem Fall vorher mit seinem Arzt besprochen haben muß.

In fortschreitenden Fällen der Erkrankung , bei Knochenveränderungen und sekundären Arthrosen kommen schließlich entlastende Hilfsmittel und operative Maßnahmen zur Schmerzbehandlung in Frage. Als Beispiel ist hier einmal die entlastende Ruhigstellung mit Hilfe verschiedenster Halskrawatten bei einem Befall der Halswirbel säule zu erwähnen oder orthopädische Schuhe, die belastungsabhängige Fußbeschwerden sowie schwere polyarthritische Gelenkveränderungen schlagartig und ganz entscheidend verbessern können.

Zu den wichtigsten Maßnahmen bei chronischem Rheumatismus neben den Bewegungsübungen gehört auch die Beschäftigungstherapie. Sie wird von führenden Rheumatologen in letzter Zeit verstärkt gefordert, aber bisher nur in wenigen Behandlungszentren und Kliniken durchgeführt. Im Rahmen einer wohnortnahen, ambulanten Betreuung von Patienten fehlt sie bis heute völlig. Diese Beschäftigungstherapie ist deshalb besonders wichtig, weil es wohl kaum einen Rheumakranken gibt, der sich nicht neben seinem schmerzhaften Leiden noch mit psychischen und sozialen Problemen herumschlagen müßte. Denn chronisch Kranke sind eher nervös, leiden unter Depressionen, können sich schlechter durchsetzen, schlechter konzentrieren und sind stärker auf sich selbst bezogen. Kurz gesagt: ein chronisch Kranker hat öfter seine Launen, und wen wollte das wundern bei den vielen Schmerzen, die er auszustehen hat? Zu der körperlichen Behinderung kommt die seelische Last der Abhängigkeit, das Gefühl der Hilflosigkeit und die Angst vor völliger Bewegungsunfähigkeit.

Viele Probleme entstehen daher im sozialen Bereich. Die Krankheit stört die Struktur der Familie. Oft fällt es den gesunden Mitgliedern der Familie schwer, die Krankheit des Patienten zu akzeptieren. Die Hausfrau ist zum Beispiel nicht mehr in der Lage, ihren zentralen Platz einzunehmen. Besonders schwer betroffen sind junge Mütter mit Kindern im Säuglingsalter oder mit Kleinkindern. Hier stellt sich die Frage, wie man einen leicht zu handhabenden Haushalt einrichtet, eine praktische Wohnungseinrichtung wählt sowie pflegeleichte Kleidung anschafft. Auch die Suche nach der Unterbringung der Kinder ist wichtig. So ein ganztägiger Kindergarten etwa oder eine Spielstube, damit die Kinder nicht vernachlässig t werden.

Einschneidende Veränderungen des sozialen Milieus treten besonders dann ein, wenn die Familienväter an chronischem Rheumatismus leiden und zu Hause bleiben müssen. Im Berufsleben entstehen Schwierigkeiten durch wiederholtes Krankschreiben oder durch nicht-mithalten-können mit dem Tempo der Kollegen. Einmal mit diesem Leiden behaftet, neigt der Rheumakranke auch noch dazu, die Kontakte mit Freunden und Bekannten einzuschränken. Zunehmende Vereinsamung ist die Folge. Aus diesem Grund muß der Patient auch eine psychosoziale Betreuung haben, was man einfach mit “ seelischer Hilfe“ übersetzen kann. Diese seelische Betreuung kann der Arzt alleine nicht durchführen. Familienmitglieder oder Freunde sind mit geduldigem Zuhören, Erkennen und Einfühlen in die Situation des Kranken und mit Stützung und Aufmunterung ebenso erfolgreich, zumal der Arzt oft einfach nicht die Zeit findet, sich jedem seiner Patienten so lange zu widmen. Jeder, der in der Familie oder im Freundeskreis einen Rheumapatienten hat, sollte daher seinen Teil dazu beitragen, um diesem zu helfen, Im Menschlichen liegt ein großer Teil der Problematik rheumatischer Erkrankungen. Tatsächlich ist das Bewußtsein des eigentlichen Leidens der Rheumakranken noch nicht in die Köpfe unserer Mitbürger eingedrungen. Den meisten ist nicht bekannt, dass Rücksichtnahme auf Rheumakranke, Mitempfinden und Verständnis für manche Reaktionen der chronisch Kranken, eine Selbstververständlichkeit sein muß. Menschen, die 40 , 50 und mehr Jahre krank sind, können nun einmal nicht so leben wie die anderen. Es ist eine ganz wichtige Aufgabe für alle, die nicht unter dieser Krankheit leiden, denen zu helfen, die davon befallen sind.

Wie kann man nun noch Hilfe leisten? Eine Möglichkeit ist beispielsweise die Deutsche Rheuma—Liga. Die Liga ist eine Laienorganisation   die es sich zur Aufgabe gestellt hat, Rheumatikern umfassend zu helfen. Die Organisation steckt bei uns noch in den Kinderschuhen, da sie erst rund 1 0.000 Mitglieder zählt. Aus diesem Grund ist auch die finanzielle Situation der Liga sehr angespannt. In den Niederlande z.B. mit ihren 1 3 Millionen Einwohnern hat die Rheuma–Liga ein Budget von 7 Mio. Gulden, in der Schweiz bei einer Bevölkerung von sechs Millionen einen Haushalt von drei Mio. Schweizer Franken. In der Bundesrepublik Deutschland mit 60 Millionen Einwohnern kann die Rheuma Liga lediglich eine halbe Million Mark ausgeben. Dieses finanzielle Defizit kann auch mit größtem Einsatz nicht ausgeglichen werden. Und deshalb bleibt so manche notwendige Hilfe aus.

Wie diese Hilfe aussehen könnte, zeigen uns die Rheuma-Ligen des Auslands. So hat die Arthritis—Foundation in den USA, ebenso wie der Verband in der Schweiz, großen Einfluß auf die Ausbildung der Fachärzte. Die amerikanische Rheuma-Liga schickt sogar mobile Einheiten durch das Land, die die Bevölkerung über diese Krankheit aufklären. In Schweden hat die Rheuma-Liga rund 50.000 Mitglieder . Bei einer Zahl von 8 Mio. Einwohnern eine erstaunliche Leistung. Sie verfügt daher nicht nur über einen erheblichen Haushalt, sondern auch über drei eigene Krankenhäuser und eigene krankengymnastische Einrichtungen, die der Bevölkerung in den einzelnen Regionen des Landes zur Verfügung stehen. Sie beschäftigt auch Sozialarbeiter, die die häusliche Betreuung oder Mitbetreuung des Patienten übernehmen.  Dennoch ist es erstaunlich, was die Deutsche Rheuma-Liga alles schafft! Ihre selbstgestellte Aufgabe ist es, das „Loch“ zu füllen, das zwischen Kuren und stationärer Behandlung liegt. Dazu gehören vor allem natürlich die sachlichen und praktischen Unterstützungen. Sie umfassen Hilfe im häuslichen Bereich und die Organisation von Behandlungsmöglichkeiten. Das wichtigste ist allerdings die Hilfe beim Umgang mit den Behörden.

Sich im Paragrafen- und Formblattdschungel bei unseren Behörden zurechtzufinden, ist heute außerordentlich schwierig. Behinderte müssen aber, um ihre Interessen in Alltag und Beruf verwirklichen zu können, weitaus mehr Durchsetzungsvermögen als Nichtbehinderte entwickeln. Doch ihre Fähigkeiten, dieses zu tun, sind oft weitaus weniger entwickelt als bei gesunden Menschen. Eine erste, sehr wichtige Aufgabe liegt zum Beispiel darin, für den Rheumakranken die Anerkennung als Schwerbehinderter zu erreichen. Die Anerkennung erfolgt durch das zuständige Versorgungsamt. Entscheidende Statussicherungen sind damit verbunden. So geht es zum Beispiel um besonderen Kündigungsschutz und um sechs Tage zusätzlichen Urlaubs. Gibt es in der Nähe noch einige andere Schwerbehinderte, so wird unter dem Gesichtspunkt der vorbeugenden Gesundheitsmaßnahmen und der Eingliederung von Behinderten , der Rentenversicherungsträger bereit sein, Behindertensport in Form von Warmwasser schwimmen und Gymnastik finanziell zu unterstützen.

Dem amtlich “ anerkannten“ Schwerbehinderten werden weiter eine ganze Reihe von Steuer vor teilen eingeräumt. Die Aufklärung der chronischen Rheumatiker unter Hinzuziehung eines Steuerfachmanns bei Vortragsabenden ist darüber hinaus eine wichtige Aufgabe der Rheuma-Liga. Sie verfolgt aber auch die Entwicklung im rechtlichen Bereich und weist ihre Mitglieder zum Beispiel darauf hin, dass seit Oktober 1979  die Beförderung im Personen-Nahverkehr für Behinderte kostenlos ist.

Zur Hilfe im häuslichen Bereich ist noch zu sagen, dass sich die Rheuma-Liga bemüht, dem schwedischen Beispiel zu folgen, und zumindest den Schwerkranken Sozialarbeiter zur Hilfe zu schicken. Vorerst jedoch kann sie nur Funktionshilfen anbieten, die den Kranken bei der Hausarbeit oder auch bei Schwierigkeiten mit dem Anziehen unterstützen.

Funktionserhaltene Bewegungsübungen, auch das ist schon gesagt worden, sind ganz wesentliche Beiträge zur Rheuma-Prävention, weil die Glieder immer mehr versteifen, je weniger man sich bewegt. Deshalb bemüht sich die Liga, in der Nähe des Wohnortes von Behinderten Möglichkeiten zum Warmwasser schwimmen und zur Krankengymnastik einzurichten. Aktualität gewinnt besonders der letzte Punkt durch das drohende Ansteigen der Energiekosten und dem daraus resultierenden Zwang für viele Kommunen, die Temperatur in ihren Hallenbädern drastisch zu drosseln und die Warmbadetage abzuschaffen. Besonders Kranke mit Arthrosen , Morbus Bechterew und Weichteilrheumatismus sind auf das Bewegungsbad angewiesen.

Es ist auch keinesfalls ausreichend, dass der Rheumakranke einmal pro Jahr vier oder sechs Wochen in eine Kur geschickt wird. Wichtig ist die Anschluß-Versorgung in den übrigen 46 oder 48 Wochen des Jahres. Solange sich in der Bundesrepublik die Verhältnisse nicht gebessert haben und nicht genügend Ein— richtungen für die physikalische Therapie zur Verfügung stehen, sind alle Rheumatiker leider noch zur Selbsthilfe aufgerufen. Gymnastische Übungen z.B. , die man einmal bekommt, kann man recht gut allein zu Hause weiter durchführen. Auch wenn keine Krankengymnastin daneben steht und sagt: ‚Jetzt machen wir aber noch ein paar Fingerübungen und Kniebeugen soweit es geht. ‚ sollte man trotzdem weiter üben,  selbst wenn die Schmerzen etwas stärker werden. Das Üben zu Hause ist ganz wichtig und verbessert entschieden den Erfolg der Therapie.

Und noch ein Wort, das in etwa in die gleiche Richtung geht. Ein Wort als Apotheker und Fachmann für Arzneimittel. Dringend ist davor zu warnen, die Medikamente, die der Arzt gegen den Rheumatismus verschrieben hat, ganz plötzlich aus irgendwelchen Gründen genauso abzusetzen, wie z.B. die gymnastischen Übungen.

Jede Therapie und erst recht jede medikamentöse Therapie setzt die aktive Mitarbeit des Patienten voraus. Es genügt also nicht, sich das Medikament in der Apotheke abzuholen und dafür Geld auf den Tisch gelegt zu haben; man muß es auch nehmen. Wir wissen heute, dass rund 40 Prozent der verschriebenen und in der Apotheke abgegebenen Medikamente nicht verbraucht werden. Sie garnmeln zuhauf in feuchtwarmen Badezimmern in den sogenannten „Hausapotheken “ die die Apotheker von Zeit zu Zeit entrümpeln, wenn man sie zu Ihnen bringt. Selbst während eines Krankenhausaufenthaltes nehmen lediglich ein Drittel der Patienten ihre Arzneimittel nach der Verordnung des Arztes auch tatsächlich ein!

Nun ist diese Tatsache nicht neu, denn schon in Hospital ordnungen des 18. Jahrhunderts finden sich Passagen, in denen es heißt: „…,dass jeder seine vom Spital-Medico verordnete Arzneyen zu gehöriger Zeit und Ordnung wohl gebrauchen und sich nicht unterstehe etwas von Arzneyen wegzuschütten oder heimlich zu verstecken. „

Bei den unaufgeklärten Menschen des 18. Jahrhunderts könnte man ja noch Verständnis für solche Maßnahmen haben. Aber sollte es bei uns, als denkenden Menschen des Jahrhunderts, noch möglich sein, dass man Angst vor einem Medikament hat, das der Arzt verschrieben und das der Apotheker sorgsam gelagert und geprüft hat, bevor es an Sie weitergegeben wurde? Denken sollte man an die Linderung seiner Schmerzen und an die Krankheit, deren Fortbestand man möglicherweise erschweren oder sogar stoppen kann. Medikamente im Wert von rund sieben Milliarden in Worten: sieben Milliarden Mark, werden jedes Jahr weggeworfen. Es ist also schon der gute Rat zu beherzigen, die Medikamente gegen die rheumatische Krankheit, so einzunehmen, wie es der Arzt verordnet hat. Und wenn man Schwierigkeiten hat und nicht weiß, was der Doktor gesagt hat, dann sollte man ruhig seinen Apotheker fragen. Wo man nun bei Medikamenten sparen kann? Nun, da sind die Tabletten gegen die kleinen Kopfschmerzen. Eine Viertelstunde ruhig liegen mit einem nassen Waschlappen auf der Stirn hilft vielleicht aber auch. Oder der schnelle Griff zu schweren Schlafmitteln, wo Baldrian oder ein paar gymnastische Ubungen am offenen Fenster es genauso gut täten. Während man auf diese Weise das seine dazu beiträgt, die Krankheit Rheumatismus zu stoppen, tun andere Leute, was bei ihnen im Bereich des Möglichen liegt.

Das Wort Patient kommt aus dem Lateinischen. Patientia heißt die Geduld. Rheumapatienten brauchen viel Geduld und solIten sich nicht unterkriegen lassen. Vielleicht gerade , weil nur der Patient, der sich selbst aufgegeben hat, unheilbar ist.

Vielen Dank.

 

(Redaktion: Helmut Peters)