Markt der Möglichkeiten

Über Techniktrends und den Frust neue Wege zu gehen

Wo moderne Technik wirklichen Nutzen bietet, lässt sie sich im privaten und geschäftlichen Bereich kaum aufhalten. Die Sache wird schwieriger, wenn europäisch gedacht und branchenspezifisch gehandelt werden muss.

Zukunftsvisionen: Ganz praktisch

Ein Immobilienbüro in Düsseldorf. Sekretärin Petra W. kommt um 8.00 Uhr an ihren Schreibtisch und schaltet den Computer ein. „Guten Morgen und herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag.“, ertönt eine Stimme aus dem Computer. Sie gehört Petras Mann, der sich auf einer Geschäftsreise in München befindet. Gleichzeitig kann Petra ihren Mann auf dem Bildschirm sehen. Dort läuft nämlich ein gespeicherter Videoclip ab, der aus München überspielt wurde. Auch der Computer gratuliert zum Geburtstag. Er hat Petras persönliche Daten im Kopf.

„Soll ich Dir die derzeit 15 Mails im Briefkasten anzeigen?“, fragt der Computer. „Ja, aber zunächst bitte nur die wichtigen.“, antwortet Petra, während sie sich einen Kaffee eingießt. Auf dem Bildschirm erscheint eine Liste mit elektronischen Briefen. Petra beginnt mit der Bearbeitung. Zwei davon leitet sie über das interne Netzwerk an andere Abteilungen weiter. Einen anderen Kundenbrief beantwortet sie sofort und fügt sogleich das entsprechende Objektfoto mit Beschreibung bei. Ein Knopfdruck und schon ist die Antwort beim Kunden.

Petras Chef meldet sich mit einer elektronischen Mitteilung aus Paris. Um zehn Uhr geht sein Flug von dort zu einem Kollegen in Amsterdam, dem er eine Frankfurter Geschäftsimmobilie präsentieren möchte. Dazu braucht ein die entsprechenden Unterlagen und die dazugehörigen Videoclips. Petra sucht die Clips und Vertragsunterlagen aus ihrer elektronischen Ablage heraus, schaut sich die Sachen nochmals an und sendet Sie nach Paris, wo die Daten direkt in den kleinen tragbaren Minicomputer ihres Chefs landen. Und noch etwas geht bei Petras Chef in Paris ein. Ein Makler aus Barcelona bietet ein Ferienhaus auf Mallorca an. Genau das richtige Objekt, nach dem ein Kunde schon so lange gesucht hat. Er sendet die Unterlagen sofort an Petras Büro. Die sucht aus Ihrer Datenbank sofort die Kundenanschrift heraus, überspielt die Daten, Bilder, Video-Clips und Vertragsunterlagen auf eine wiederbespielbare CD und versendet die Glitzerscheibe an den Kunden. Der kann nun in Ruhe an seinem Computer prüfen, ob das Objekt wirklich für ihn richtig ist.

Um 15.00 Uhr aktualisiert Petra das Mietwohnungsangebot für die an verschiedenen Standorten der Stadt aufgestellten Multimedia-Terminals. Von dort aus können sich Wohnungssuchende das Angebot in Wort und Bild ansehen und sofort eine elektronische Bewerbung lossenden. Danach filtert sie aus der Datenbank von „Global-Immo“ (einem europäischen Immobilien-Network) entsprechende Objektangebote heraus und bestätigt den jeweiligen Anbietern, daß ihre Firma die Objekte ins Angebot übernommen hat.

Kurz vor Feierabend kündigt der Computer eine Video-Konferenzschaltung aus Amsterdam an. Auf dem Bildschirm erscheint ihr wütender Chef. Leider hat ihm Petra das falsche Video übersandt. Petra sucht nochmals in ihrer Ablage und präsentiert wenig später ihrem Chef das richtige Video. Sekundenschnell wird es nach Amsterdam geschickt.

„Tschüs“, sagt Petra zu ihrem Computer. „Wenn heute noch eine sehr wichtige Nachricht kommt, stelle sie mir bitte nach Hause durch!“

Anfänge einer Entwicklung

Zukunftsvisionen? Durchaus nicht, denn Teilbereiche dieser Technologie sind bereits vorhanden. Die großen übergreifenden Stichworte dazu heißen Vernetzung auf europäischer Ebene und Multimedia. Ein Markt, dem glänzende Zukunftsaussichten prophezeit werden. Der sich aber derzeit noch langsam aus den Kinderschuhen heraus entwickeln muß.

Die Probleme dafür sind vielfältig. Da fehlt es zum einen an fehlenden Standards. Jeder Hersteller versucht seinen eigenen Standard am Markt durchzusetzen und verunsichert damit potentielle Interessenten. Aber auch auf der Hardwareseite hapert es noch gewaltig. Es müssen neue Rechnerkapazitäten her. Zwar reicht die Rechnerleistung eines PCs im Prinzip aus, um die ungeheuren Datenmengen zu verarbeiten, bzw. auf den Weg zu bringen. Dafür arbeitet man mit Tricks, wie zum Beispiel Datenkompression oder mit sehr kleinen Bildern, die nur eine geringe Qualität aufweisen und mit einem normalen Fernsehbild noch lange nicht zu vergleichen sind. Gleichwohl gibt es auf dieser Basis schon eine Vielzahl von Anwendungen, vor allem in der Werbung, im Verkauf oder der Touristik. Und natürlich auch im Immobiliensektor.

Neue Ideen sind gefragt

Schon jetzt könnte praktisch das gesamte Objektangebot eines großen Maklerbüros (inklusive Bilder oder Videoclips) auf einer CD Platz finden und an potentielle Kunden abgegeben werden. Kostenmäßig würde die Vervielfältigung einer solchen CD bei einer 1000er Auflage etwa bei 5-6 Mark pro Stück liegen. Ein Service, der sich lohnt und ganz andere Möglichkeiten der Präsentation als ein normal bebildertes Expose bietet. Umfeld und Räumlichkeiten können gezeigt, Alternativen präsentiert und der Kunde direkt angesprochen werden. Der wiederum kann sich alles in Ruhe zu Hause ansehen, ohne sich dabei von einem Makler mit Überredungstalent überfordert zu fühlen. Aber auch Zeit- und Kostenfaktoren könnten für eine solche Präsentationsform sprechen. Weniger Aufwand in dieser Hinsicht, mehr vorbereitete – und damit entscheidungsreife – Kunden.

Wie gesagt, all das setzt Standards voraus. Alle betroffenen Ebenen müssen auf einer gemeinsamen Grundlage Informationen und Daten austauschen können. Ohne entsprechende Innovationen im Hard- und Software- wie auch im Kommunikationsbereich wird die derzeit angedachte Entwicklung stecken bleiben.

Zwischen Theorie und Praxis

Ein Beispiel dafür ist auch die europäische Telekommunikation. Zwar hat sich die Gemeinschaft im erweiterten EG-Vertrag von Maastricht die Schaffung europäischer Infrastrukturen in den Bereichen Verkehr, Telekommunikation und Energie gesetzt. Doch von einem wirklich funktionierenden Binnenmarkt in dieser Hinsicht ist man noch weit entfernt. Denn die europäischen Telekommunikationsanbieter setzen auf die Politik der kleinen Schritte. Das gilt weniger für’s Telefonieren, mehr für den Aufbau und das Betreiben von Netzen, die die vorab beschrieben Kommunikationsmöglichkeiten erlauben. Allenfalls im Bereich des Mobilfunks hat man mit dem GSM-Standard Zeichen gesetzt. Doch auch hier geht die Entwicklung nicht schnell genug voran, wie man es sich wünschen würde.

Technik fängt im Kopf an

Gleichheit und Brüderlichkeit sind zumindestens rein technisch noch lange nicht in Europa vorzufinden. Das gilt auch für die europäische Immobilienbranche schlechthin, von denen manche sicherlich neidisch auf das blicken, was Banken und Versicherungen zunehmend praktizieren. Nämlich weltweit gemeinsame Regeln und Standards zu entwickeln und damit eine Datentransparenz über Ländergrenzen hinweg zu schaffen. Das Ziel dabei ist klar: Rationalisierungs- und Einsparungspotentiale durch moderne Technik zu nutzen, neue Vertriebswege schaffen, damit man sich intensiver dem eigentlichen Geschäft – der Finanzdienstleistung – widmen kann.

Die Citibank hat derzeit wohl die Möglichkeiten der Informationstechnologie am konsequentesten genutzt. John Reed, CEO der Citibank, bringt das Ganze denn auch auf die griffige Formel „Money is information on the move.“ Das gilt – wenn auch vielleicht in veränderter Form – für die Immobilienbranche. Sie muss sich dem technologischen Wandel der Zeit anpassen und vor allem Gemeinsamkeiten schaffen, die ein Agieren im europäischen Markt ermöglichen. Einige Zukunftsdenker der Branche basteln auf nationaler und internationaler Ebene schon daran. Und stellen dabei oft genug fest, dass ihre Weitsicht an verkrusteten Strukturen scheitert. Wie sagte einer „Die Nutzung moderner Informationstechnologie hängt leider immer noch von vielen Landesfürsten, weniger von der Machbarkeit ab.“ Ein Satz, der zum Nachdenken zwingt.

Redaktion: Helmut Peters