„Wärme im Rohr. Kälte im Wettbewerb.“

Kritische Betrachtung zum Fernwärmemarkt

Nichts ist mehr so im deutschen Fernwärmemarkt, wie es einmal war. Statt auf Niedrigtemperatur wie bisher zu fahren, wird mit hohen Graden um Marktanteile, vor allem in ostdeutschen Landen, gekämpft. Charles Thiele hat einen Blick auf das Marktgeschehen geworfen und macht sich dabei seine Gedanken.

Betrachtet man den deutschen Fernwärmemarkt so erinnert dieser eigentlich mehr an eine geschlossene Gesellschaft. Die Großen kaufen die Kleinen auf, um noch mehr Marktmacht zu erzielen. Und innovative Unternehmen, die technologische Alternativen zur herkömmlichen Technik anbieten, werden mit allen Mitteln an die Seite gedrängt. Verständlich ist das schon, ist doch der Markt in den letzten Jahren kaum gewachsen und hat nur durch den ungeheuren Investitions- und Sanierungsbedarf im Osten Schwung erhalten. Doch auch der wird irgendwann wieder zurückgehen. Und solange der Fernwärmemarkt weiter unter Wettbewerbsdruck durch eine agressive Markt- und Preispolitik bei Gas und Öl steht, dazu diese Preise mittelfristig niedrig bleiben, wird die Branche unter dem Zeichen der Stagnation stehen.

Auch aus politischer Sicht wird der Branche wenig Unterstützung zuteil. Zwar müßte die Politik alleine aus Umwelt- und Energiespargründen ein maßgebliches Interesse daran haben, daß ein weiterer Ausbau der Fernwärmeversorgung erfolgt. Gleichwohl gibt es zum Beispiel für den Ausbau der Fernwärmeversorgung seit geraumer Zeit keine bundesweiten Förderprogramme mehr. Nur einzelne Länder engagieren sich weiter in der Förderung. Kurzum, daß Interesse der Politik an dem einst so stark propagierten Nutzen der Fernwärme ist auf ein Minimum geschrumpft. Dabei wäre es doch zu wünschen, daß gerade die Politik auch in einer Zeit des Energieüberflusses sich Gedanken über neue Konzepte macht. Und in solche zukunftsorientierten Energiekonzepte gehört die Fernwärme sicherlich mit hinein.

Technologisch gesehen dominiert immer noch das gute alte Kunststoffmantelrohr mit all seinen seit Jahren bekannten Problemen. In vielen Fällen haben die Techniker hier zwar Neues entwickelt oder Verbesserungen eingeführt. Doch Flickwerk ist es allemal. Jeder kennt die Mängel und Probleme, doch neue Wege werden kaum gegangen. Im Gegenteil, hartnäckig wird das Technologiemonopol des Kunststoffmantelrohres verteidigt. Neue Technologien, wie beispielsweise das eigentlich seit Jahrzehnten existierende Bitumengießverfahren, daß derzeit sehr erfolgreich in bestimmten Nischenmärkten eingesetzt wird, werden mit fadenscheinigen Argumenten versehen. Neutrale Beobachter kommen da schnell zum Schluß, daß technologisch nur wenig dazugelernt, mehr verteidigt wird.

Bleiben wir ganz einfach mal beim Bitumengießverfahren. Schaut man bei dieser Technologie auf den Nutzen, auf die Anwendung und auf den Preis, müßte dieses Verfahren eigentlich wie eine Hitsingle auf die vordersten Plätze des Marktgeschehens stürmen. Doch was nutzt der beste Hit, wenn dieser totgeschwiegen wird. Keiner wird ihn je kaufen, weil ihn kaum einer kennt. Und hat man sich dennoch vom Nutzen und der Qualität überzeugt, kommt doch da eine andere Plattenfirma mit einem Gegenangebot. Und genau das wird im Interesse der Marktmacht so lange auf den Punkt getrimmt, bis der potentielle Käufer darauf anspringt.

Dieses Marktmacht-Spiel wird vor allem derzeit in ostdeutschen Landen stark gepflegt. Ganz praktisch ist es fast so wie im Wilden Westen, wo damals die Goldsucher ihre Claims absteckten. Auch hier werden sicherlich wieder viele bestreiten, daß dem nicht so sei. Und dennoch könnte man ganz einfach anhand bestimmter Auftragsvergaben feststellen, wie die Gebietsverteilung im Osten erfolgt. Unter der Hand wird sogar getuschelt, daß hier enorme Summen ins Spiel gebracht werden, um ins Geschäft zu kommen. Oft genug spielt nicht das faire Angebot eine Rolle, sondern mehr das, was – um es vornehm auszudrücken – in eine Geschäftsverbindung investiert wird. Auch hier also das Spiel um Marktmacht. Allerdings eines, beim dem es irgendwann auch Verlierer geben kann und wird. Aber solange der Umsatz stimmt, wird man sich darüber kaum Gedanken machen.

Kaum Gedanken haben sich seit vielen Jahren auch die Verbände der Fernwärmeindustrie gemacht. Das Verbandswesen war eher ein „schlafender Riese“, der in hübschen Träumen agierte. Erstaunlich daher eher, daß sich ein Verband, wie die AGFW nunmehr Gedanken über sich selbst, die Mitgliedsunternehmen und die Zukunft des Fernwärmemarktes macht. Die Auflistung von Stärken und Schwächen in einem internen Analysepapier ist deshalb nach den langen Jahren des Schweigens schon eher eine gehörige Sensation. Denn seit langem schaut nun endlich einmal ein Verband über die eigene Mauer hinweg und analysiert dabei die Stärken und Schwächen der ganzen Branche.

Die Verbandsanalyse spiegelt dabei im Prinzip nicht nur das Geschehen im Verband, sondern gleichwertig den Markt wider. Da spricht man vom Fehlen geeigneter Marketingkonzepte, um erfolgreich Fernwärme verkaufen zu können Da wird die zu schwache Lobby im politischen Bereich erkannt. Und da wird zum Beispiel auch angeführt, daß die Mitgliedschaften in Fachausschüssen und Arbeitskreisen wie „Erbhöfe“ betrachtet werden.

Wo also steht die Branche im Moment? Sie verdient – noch – ganz gut, weil die Claims im Osten einigermaßen Gold zu Tage fördern. Sie hält an Technologie fest, die schon seit langem ein Umdenken oder zumindestens ein Nachdenken erfordern. Sie ist – rein verbandspolitisch gesehen – zu wenig innovativ und vorausschauend.

Zuviel Kritik an der Branche? Kaum! Es fehlt eben an den kritischen, nachdenklichen und vorausschauenden Köpfen. Hoffnung kann man da nur auf den Nachwuchs in den Unternehmen setzen. Sei es nun in technologischer oder unternehmerischer Hinsicht. Der Fernwärmemarkt ist eben nicht mehr die heile Welt, in der fast alles von alleine läuft. Er ist ein Markt, dem nach wie vor eine große Zukunftschance einzuräumen ist. Doch wer die Zeichen der Zeit nicht genau erkennt, den „bestraft das Leben“. Und genau deshalb hilft auch kein Hauen und Stechen, sondern sicherlich nur eine vernünftige Betrachtung des Marktgeschehens, der Weiterentwicklung der technologischen Möglichkeiten und der politischen Rahmenbedingungen.

(Charles Thiele)

 

Redaktion: Helmut Peters